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Karl May - Neues-Detail - Der Traum der Ferne - Karussell

Der Traum der Ferne

Als ihm seine Zeitgenossen auf die Schliche gekommen waren, konnten sie ihm nicht vergeben. Zu sehr hatte Karl May (1842-1912) sie ihrer Meinung nach verhöhnt. Doch zuvor hatten sie ihm nur allzu gerne geglaubt, dem Mann, der sich als Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand verkleidete und als Abenteurer durch die ganze Welt gereist sein wollte. Denn das Fin de Siècle lechzte nach Exotismus, nach Erfahrungen, die sich jenseits der Nüchternheit der Industrialisierung sammeln ließen. Mit Romanen wie "Der Schatz im Silbersee" gab May den Menschen das Gefühl, an einer anderen, klareren und unterm Strich gerechteren Welt teilhaben zu können. Und das machte er derart virtuos, dass seine Geschichten aus dem Orient oder aus dem Wilden Westen bis heute zu den spannendsten ihres Genres gehören.

Karl May war ein Getriebener. 1842 in Ernstthal in Sachsen als Sohn eines Webers geboren, sah er für sich von klein auf wenig Perspektive außer die der Flucht. In ärmlichsten Verhältnissen, als fünftes von 14 Kindern, schlug er sich durch, immer kränklich, als Kleinkind sogar zeitweise blind, häufig im Unfrieden mit seiner Familie. Einer der wenigen Fluchtpunkte war seine Großmutter mit deren unerschöpflichen Reservoir an Märchen und Geschichten. Der andere war die örtliche Leihbibliothek. May las alles, was ihm unter die Augen kam, vor allem Reiseliteratur, Rittergeschichten, Liebes und Schauerromane, Expeditionsrepporte. Sein Gedächtnis war gut und so bildete sich ein erster Grundstock für die späteren eigenen Werke, die er, ohne zum Zeitpunkt ihrer Entstehung weit aus seinem Umkreis heraus gekommen zu sein, quasi aus den Nichts erschuf. Ein halbes Jahr arbeitete er zunächst als Lehrer, entwendete dann aber einem Kollegen Uhr, Pfeife und Zigarrenspitze, um damit protzen zu können. Natürlich wurde er erwischt und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt - eine Erfahrung, die ihn derart nachhaltig prägte, dass er sofort nach der Entlassung wie manisch zu schreiben anfing. Er landete bei dem Verleger Münchmeyer in Dresden, der ihm seine Kolportageromane und Fortsetzungsgeschichten mit zunehmender Zufriedenheit abnahm.

May entwickelt sich. Aus den Dorfgeschichten und sentimentalen Erzählungen werden Reiseromane, die ein zunehmend größeres Publikum finden. Dabei erfindet der inzwischen umfassend gebildete Autor Identifikationsfiguren zunächst für sich selbst. Es sind Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, die kosmopolitischen Deutschen, die in flagranti die fernen Orte dieser Erde zivilisieren. Und er stellt ihnen zwei Gegenentwürfe an die Seite, Hadschi Halef Omar, der durch Witz und Tapferkeit besticht, und Winnetou, den edlen Wilden, der letztendlich weitaus mehr Menschlichkeit und Kultur vermittelt als die meisten Halunken um ihn herum. 1892 erscheinen die ersten Buchausgaben dieser "Reiseerzählungen", die bald 33 Bände umfassen werden. Berühmt wird er vor allem durch die "Winnetou-Triologie" (1893) und den "Schatz im Silbersee". Vor allem letzterer ist noch immer ein Schlüsselroman, wo all die wichtigen Gestalten zusammenkommen, die den May-Kosmos bevölkern: Old Shatterhand, Old Firehand, Winnetou und viele andere.

 

Und wie sehr der Autor in der Lage war, auf wenigen Seiten bereits Spannung zu erzeugen, beweist der Anfang des Romans, den Gerd Westphal mit unnachahmlicher Lakonik liest. Da werden Personenkonstellationen hergestellt - der gewalttätige Trunkenbold mit reichlich Dreck am Stecken, der ehrverletzte Indianer mit heimlichen Rachegedanken, die überlegenen, aber bescheidenen Zivilisierten Old Firehand und der Schwarze Tom - die wie Köder ausgeworfen werden, damit der Leser etwas zu schlucken hat. Dabei wird in der 1991 nach der historisch-kritischen Edition produzierten Hörbuchversion erst recht deutlich, wie subtil May mit den Emotionen zu agieren in der Lage war. Denn man spürt es förmlich kribbeln, wenn der erste Streit sich anbahnt, wenn die Charaktere aufeinander prallen, sich aneinander reiben, Ahnungen über eine düstere Zukunft entstehen lassen. Da schreckt dann auch das beachtliche Ausmaß von 16 CDs nicht mehr ab, sondern bewirkt das genaue Gegenteil. Man will sich hinsetzen, auf ein bequemes Sofa und May und Westphal lauschen, fasziniert und gierig darauf versessen, endlich die Fortsetzung der Geschichte erleben zu dürfen.

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